Also sprach Zarathustra — Friedrich Nietzsche
SAPIR 861
Also sprach Zarathustra
Friedrich Nietzsche · Licence: Gemeinfrei · Source
- Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein. ¶1321
- Was ich auch schaffe und wie ich's auch liebe, - bald muss ich Gegner ihm sein und meiner Liebe: so will es mein Wille. ¶1330
- Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom `Willen zum Dasein`: diesen Willen - giebt es nicht! ¶1332
- Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern - so lehre ich's dich - Wille zur Macht! ¶1334
- Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenere Wahrheiten werden giftig. ¶1342
- Und mag doch Alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen - kann! Manches Haus giebt es noch zu bauen! ¶1343
- Still ist der Grund meines Meeres: wer erriethe wohl, dass er scherzhafte Ungeheuer birgt! ¶1346
- Mit erhobener Brust und Denen gleich, welche den Athem an sich ziehn: also stand er da, der Erhabene, und schweigsam: ¶1349
- Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem Munde. Zwar ruht er jetzt, aber seine Ruhe hat sich noch nicht in die Sonne gelegt. ¶1359
- Dunkel noch ist sein Antlitz; der Hand Schatten spielt auf ihm. Verschattet ist noch der Sinn seines Auges. ¶1362
- Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch noch das Auge des Engels sehn. ¶1364
- Ein Wenig mehr, ein Wenig weniger: das gerade ist hier Viel, das ist hier das Meiste. ¶1371
- Und als ich um mich sah, siehe! da war die Zeit mein einziger Zeitgenosse. ¶1384
- Aber wie geschah mir? So angst mir auch war, - ich musste lachen! Nie sah mein Auge etwas so Buntgesprenkeltes! ¶1387
- Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt sah und ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe zuwinkte. ¶1396
- Ach, wie ihr mir dasteht, ihr Unfruchtbaren, wie mager in den Rippen! Und Mancher von euch hatte wohl dessen selber ein Einsehen. ¶1406
- Und er sprach: "es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich Etwas entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden! ¶1407
- So liebe ich allein noch meiner _Kinder_Land_, das unentdeckte, im fernsten Meere: nach ihm heisse ich meine Segel suchen und suchen. ¶1415
- Von der unbefleckten Erkenntniss ¶1418
- Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich errieth euch wohl! - aber Scham ist in eurer Liebe und schlechtes Gewissen, - dem Monde gleicht ihr! ¶1427
- Und das heisse mir aller Dinge _unbefleckte_ Erkenntniss, dass ich von den Dingen Nichts will: ausser dass ich vor ihnen da liegen darf wie ein Spiegel mit hundert Augen." - ¶1433
- Wahrlich, nicht als Schaffende, Zeugende, Werdelustige liebt ihr die Erde! ¶1435
- Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen! ¶1438
Open Scriptures Hebrew Bible (WLC), CC BY 4.0