Also sprach Zarathustra — Friedrich Nietzsche
SAPIR 861
Also sprach Zarathustra
Friedrich Nietzsche · Лицензия: Gemeinfrei · Источник
- Ach, Freunde, errathet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen? ¶1683
- An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an den Menschen, weil es mich hinauf reisst zum Obermenschen: denn dahin will mein andrer Wille. ¶1685
- Und _dazu_ lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie nicht kennte: dass meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz verliere. ¶1686
- Diess aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die _Eitlen_ mehr als die Stolzen. ¶1694
- Damit das Leben gut anzuschaun sei, muss sein Spiel gut gespielt werden: dazu aber bedarf es guter Schauspieler. ¶1696
- Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, dass ihnen gern zugeschaut werde, - all ihr Geist ist bei diesem Willen. ¶1697
- Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Arzte sind meiner Schwermuth und mich am Menschen fest halten als an einem Schauspiele. ¶1699
- Und dann: wer ermisst am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit! Ich bin ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit. ¶1700
- Und wenn das die rechte Tugend ist, die nicht um sich selber weiss: nun, der Eitle weiss nicht um seine Bescheidenheit! - ¶1703
- Zwar, wie eure Weisesten mir nicht gar so weise erschienen: so fand ich auch der Menschen Bosheit unter ihrem Rufe. ¶1707
- Und wahrlich, ihr Guten und Gerechten! An euch ist Viel zum Lachen und zumal eure Furcht vor dem, was bisher "Teufel" hiess! ¶1713
- Was geschah mir? Wer gebeut diess? - Ach, meine zornige Herrin will es so, sie sprach zu mir: nannte ich je euch schon ihren Namen? ¶1726
- Gestern gen Abend sprach zu mir _meine_stillste_Stunde_: das ist der Name meiner furchtbaren Herrin. ¶1727
- Kennt ihr den Schrecken des Einschlafenden? - ¶1729
- Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden weicht und der Traum beginnt. ¶1730
- Dieses sage ich euch zum Gleichniss. Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann. ¶1731
- Dann sprach es ohne Stimme zu mir: `Du weisst es, Zarathustra?` - ¶1733
- Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: `Du weisst es, Zarathustra, aber du redest es nicht!` - ¶1735
- Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: `Ja, ich weiss es, aber ich will es nicht reden!` ¶1736
- Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Du _willst_ nicht, Zarathustra? Ist diess auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen Trotz!` - ¶1737
- Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an dir, Zarathustra! Sprich dein Wort und zerbrich!` - ¶1739
- Und ich antwortete: `Noch versetzte mein Wort keine Berge, und was ich redete, erreichte die Menschen nicht. Ich gieng wohl zu den Menschen, aber noch langte ich nicht bei ihnen an.` ¶1744
- Und so sprachen sie zu mir: `du verlerntest den Weg, nun verlernst du auch das Gehen!` ¶1747
- Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an ihrem Spotte! Du bist Einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sollst du befehlen! ¶1748
- Das ist dein Unverzeihlichstes: du hast die Macht, und du willst nicht herrschen.` - ¶1751
- Oh Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen muss: so wirst du befehlen und befehlend vorangehen.` - ¶1754
- Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Du musst noch Kind werden und ohne Scham. ¶1756
- Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was ich zuerst sagte: `Ich will nicht.` ¶1758
- Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss und das Herz aufschlitzte! ¶1759
- Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern. ¶1762
- "Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin. ¶1768
- Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein? ¶1769
- Zarathustra, vom Lesen und Schreiben. ¶1771
- Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen. ¶1774
- Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebniss komme, - ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber. ¶1775
- Ich erkenne mein Loos, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan! Ich bin bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit. ¶1791
Open Scriptures Hebrew Bible (WLC), CC BY 4.0