Also sprach Zarathustra — Friedrich Nietzsche
SAPIR 861
Also sprach Zarathustra
Friedrich Nietzsche · License: Gemeinfrei · Source
- Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber noch gram um deinetwillen. ¶1801
- Die _Liebe_ ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu Allem, wenn es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine Bescheidenheit in der Liebe!" - ¶1806
- Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir jeden Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und sprechen: "Zwerg! Du! Oder ich!" - ¶1825
- Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es war aber gerade da ein Thorweg, wo wir hielten. ¶1834
- "Siehe diesen Thorweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende. ¶1835
- Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den Kopf: - und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: `Augenblick`. ¶1837
- Aber wer Einen von ihnen weiter gienge - und immer weiter und immer ferner: glaubst du, Zwerg, dass diese Wege sich ewig widersprechen?" - ¶1838
- Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser Augenblick _alle_ kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_ - - sich selber noch? ¶1844
- Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse _hinaus_ - _muss_ es einmal noch laufen! - ¶1845
- Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf Einem Antlitze? Er hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund - da biss sie sich fest. ¶1856
- Meine Hand riss die Schlange und riss: - umsonst! sie riss die Schlange nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: "Beiss zu! Beiss zu! ¶1857
- Den Kopf ab! Beiss zu!" - so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem Schrei aus mir. - ¶1858
- Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn: - _was_ sah ich damals im Gleichnisse? Und _wer_ ist, der einst noch kommen muss? ¶1861
- - Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange -: und sprang empor. - ¶1863
- Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch, - ein Verwandelter, ein Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie _er_ lachte! ¶1864
- Von der Seligkeit wider Willen ¶1868
- "Allein bin ich wieder und will es sein, allein mit reinem Himmel und freiem Meere; und wieder ist Nachmittag um mich. ¶1870
- Des Nachmittags fand ich zum ersten Male einst meine Freunde, des Nachmittags auch zum anderen Male: - zur Stunde, da alles Licht stiller wird. ¶1871
- Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von ihnen kehrend: um seiner Kinder willen muss Zarathustra sich selbst vollenden. ¶1876
- Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand ich's. ¶1877
- Begehren - das heisst mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch, meine Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts Begehren sein. ¶1889
- Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider Willen! Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier: - zur Unzeit kamst du! ¶1904
- Oh wie erriethe ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! _Vor_ der Sonne kamst du zu mir, dem Einsamsten. ¶1914
Open Scriptures Hebrew Bible (WLC), CC BY 4.0