Also sprach Zarathustra — Friedrich Nietzsche
SAPIR 861
Also sprach Zarathustra
Friedrich Nietzsche · Άδεια: Gemeinfrei · Πηγή
- Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam. ¶1915
- Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht? ¶1917
- Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen: - _fliegen_ allein will mein ganzer Wille, in _dich_ hinein fliegen! ¶1921
- Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich befleckt? Und meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte! ¶1922
- Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist, - das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen. ¶1923
- Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken: diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen. ¶1924
- Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken befleckt sehn! ¶1925
- Ein _Wenig_ Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern, - dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt! ¶1938
- Die Welt ist tief -: und tiefer als je der Tag gedacht hat. Nicht Alles darf vor dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden wir nun! ¶1944
- Ich gehe durch diess Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben mir es nicht, dass ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin. ¶1958
- Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends um's Feuer sitzen, - sie reden von mir, aber Niemand denkt - an mich! ¶1962
- Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: dass auch Die, welche befehlen, die Tugenden Derer heucheln, welche dienen. ¶1980
- "Ich diene, du dienst, wir dienen" - so betet hier auch die Heuchelei der Herrschenden, - und wehe, wenn der erste Herr _nur_ der erste Diener ist! ¶1981
- Diess aber ist _Feigheit_: ob es schon "Tugend" heisst. - ¶1987
- Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten sie den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem Hausthiere. ¶1990
- Ich gehe durch diess Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie wissen weder zu nehmen noch zu behalten. ¶1994
- Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung -; aber gerade ihnen liebe ich's, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich _bin_ Zarathustra, der Gottlose! ¶1998
- Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und alle Die sind Meines-Gleichen, die sich selber ihren Willen geben und alle Ergebung von sich abthun. ¶2001
- Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in _meinem_ Topfe. Und erst, wenn er da gar gekocht ist, heisse ich ihn willkommen, als _meine_ Speise. ¶2002
- Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch sprach zu ihm mein _Wille_, - da lag er schon bittend auf den Knieen - ¶2003
- - bittend, dass er Herberge finde und Herz bei mir, und schmeichlerisch zuredend: "sieh doch; oh Zarathustra, wie nur Freund zu Freunde kommt!" - ¶2004
- Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Und so will ich es hinaus in alle Winde rufen: ¶2005
- - an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen Unterlassen, an eurer vielen kleinen Ergebung! ¶2007
- Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber dass ein Baum _gross_ werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln schlagen! ¶2008
- Auch was ihr unterlasse, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch euer Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft Blute lebt. ¶2009
- Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften; aber noch unter Schelmen spricht die _Ehre_: "man soll nur stehlen, wo man nicht rauben kann." ¶2010
- "Es giebt sich" - das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage euch, ihr Behaglichen: _es_nimmt_sich_ und wird immer mehr noch von euch nehmen! ¶2011
- - mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!" Also spricht Zarathustra, der Gottlose. - ¶2015
- Wen ich liebe, den liebe ich Winters besser als Sommers; besser spotte ich jetzt meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause sitzt. ¶2031
- Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit einem kalten Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund. ¶2035
Open Scriptures Hebrew Bible (WLC), CC BY 4.0