Also sprach Zarathustra — Friedrich Nietzsche
SAPIR 861
Also sprach Zarathustra
Friedrich Nietzsche · Licencia: Gemeinfrei · Fuente
- Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken. ¶365
- Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde, - der Muth will lachen. ¶370
- Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin. ¶372
- Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein? ¶373
- Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein Tropfen Thau auf dem Leibe liegt? ¶378
- Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn. ¶380
- Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen gelernt: seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von der Stelle zu kommen. ¶386
- Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich. ¶387
- "Was erschrickst du desshalb? - Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume. ¶394
- Nun wartet er und wartet, - worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz? ¶406
- Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra also an zu sprechen: ¶408
- Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir dein Auge alle deine Gefahr. ¶409
- Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug wird solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht. ¶413
- Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen Guten nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen. ¶417
- Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der Gute, und dass Altes erhalten bleibe. ¶418
- Es giebt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von Solchen, denen Abkehr gepredigt werden muss vom Leben. ¶427
- "Gelbe": so nennt man die Prediger des Todes, oder "Schwarze". Aber ich will sie euch noch in andern Farben zeigen. ¶429
- Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und gleich sagen sie "das Leben ist widerlegt!" ¶434
- Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das Eine Gesicht sieht am Dasein. ¶435
- "Mitleid thut noth - so sagen die Dritten. Nehmt hin, was ich habe! Nehmt hin, was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!" ¶443
- Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie, dass sie Andre mit ihren Ketten und Geschenken noch fester binden! - ¶445
- Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, - ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille, sich selber zu vergessen. ¶447
- Oder "das ewige Leben": das gilt mir gleich, - wofern sie nur schnell dahinfahren! ¶450
- Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von Denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch die Wahrheit sagen! ¶453
- Ihr sollt mir Solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde sucht - nach _eurem_ Feinde. Und bei Einigen von euch giebt es einen Hass auf den ersten Blick. ¶458
- Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr, als den langen. ¶460
- Euch rathe ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rathe ich nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein Sieg! ¶461
- Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt. ¶463
- Auflehnung - das ist die Vornehmheit am Sclaven. Eure Vornehmheit sei Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen! ¶471
- Einem guten Kriegsmanne klingt "du sollst" angenehmer, als "ich will". Und Alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen. ¶472
- So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Lang-Leben! Welcher Krieger will geschont sein! ¶475
Open Scriptures Hebrew Bible (WLC), CC BY 4.0