Also sprach Zarathustra — Friedrich Nietzsche
SAPIR 861
Also sprach Zarathustra
Friedrich Nietzsche · الترخيص: Gemeinfrei · المصدر
- Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie Einer, der nicht sein letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd in seiner Hand. Endlich sprach er also: - und seine Stimme hatte sich verwandelt. ¶858
- Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren. ¶866
- Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den grossen Mittag mit euch feiere. ¶868
- "- und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren. ¶874
- Zarathustra, von der schenkenden Tugend ¶876
- Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug? ¶881
- "Oh Zarathustra - sprach das Kind zu mir - schaue Dich an im Spiegel!" ¶882
- Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine _Lehre_ ist in Gefahr, Unkraut will Weizen heissen! ¶884
- Verloren giengen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine Verlornen zu suchen! - ¶886
- Was geschah mir doch, meine Thiere? - sagte Zarathustra. Bin ich nicht verwandelt! Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind? ¶888
- Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden! Zarathustra darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste thun! ¶891
- Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber mein Strom der Liebe reisst ihn mit sich hinab - zum Meere! ¶896
- Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein Speer immer am besten hinauf: der ist meines Fusses allzeit bereiter Diener: - ¶901
- Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es meinen Feinden, dass ich endlich ihn schleudern darf! ¶902
- Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden Weisheit; und vielleicht flieht ihr davon sammt meinen Feinden. ¶906
- Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht weiter reiche, als euer schaffender Wille. ¶917
- Gott ist eine Muthmaassung: aber ich will, dass euer Muthmaassen begrenzt sei in der Denkbarkeit. ¶920
- Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden: eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber werden! Und wahrlich, zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden! ¶922
- Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich. - ¶925
- Diess zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen und noch dem Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit heisse ich's, Solches zu muthmaassen. ¶928
- Wahrlich, durch hundert Seelen gieng ich meinen Weg und durch hundert Wiegen und Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne die herzbrechenden letzten Stunden. ¶935
- Aber so will's mein schaffender Wille, mein Schicksal. Oder, dass ich's euch redlicher sage: solches Schicksal gerade - will mein Wille. ¶936
- Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit - so lehrt sie euch Zarathustra. ¶938
- Vollenden will ich's: denn ein Schatten kam zu mir - aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir! ¶945
- Meine Freunde, es kam eine Spottrede zu eurem Freunde: "seht nur Zarathustra! Wandelt er nicht unter uns wie unter Thieren?" ¶949
- Aber so ist es besser geredet: "der Erkennende wandelt unter Menschen _als_ unter Thieren." ¶950
- Der Mensch selber aber heisst dem Erkennenden: das Thier, das rothe Backen hat. ¶951
- Oh meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham - das ist die Geschichte des Menschen! ¶953
- Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden: zu sehr gebricht es ihnen an Scham. ¶955
- Muss ich mitleidig sein, so will ich's doch nicht heissen; und wenn ich's bin, dann gern aus der Ferne. ¶956
- Wahrlich, ich that wohl Das und jenes an Leidenden: aber Besseres schien ich mir stets zu thun, wenn ich lernte, mich besser freuen. ¶959
- Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, Andern wehe zu thun und Wehes auszudenken. ¶961
- Darum wasche ich mir die Hand, die dem Leidenden half, darum wische ich mir auch noch die Seele ab. ¶962
Open Scriptures Hebrew Bible (WLC), CC BY 4.0