Also sprach Zarathustra — Friedrich Nietzsche
SAPIR 861
Also sprach Zarathustra
Friedrich Nietzsche · الترخيص: Gemeinfrei · المصدر
- "Gieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!" sagte ich. Und also sprach das alte Weiblein: ¶723
- "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" - ¶724
- Den Vernichter der Moral heissen mich die Guten und Gerechten: meine Geschichte ist unmoralisch. - ¶729
- Wusstet ihr diess schon? Getheiltes Unrecht ist halbes Recht. Und Der soll das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann! ¶733
- Vornehmer ist's, sich Unrecht zu geben als Recht zu behalten, sonderlich wenn man Recht hat. Nur muss man reich genug dazu sein. ¶735
- Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter blickt mir immer der Henker und sein kaltes Eisen. ¶736
- Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden Augen ist? ¶737
- So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die Jeden freispricht, ausgenommen den Richtenden! ¶739
- Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich Jedem das Seine geben! Diess sei mir genug: ich gebe Jedem das Meine. ¶741
- Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder hinausbringen? ¶743
- Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich. ¶749
- Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir? ¶750
- Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung. ¶751
- Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe! ¶753
- Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist, als die es schufen. Ehrfurcht vor einander nenne ich Ehe als vor den Wollenden eines solchen Willens. ¶755
- Ehe nennen sie diess Alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel geschlossen. ¶758
- Viele kurze Thorheiten - das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht vielen kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit. ¶768
- Heilig heisst mir solch ein Wille und solche Ehe. - ¶774
- Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra. ¶778
- Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und Gelobenden. ¶783
- Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu sterben und eine grosse Seele zu verschwenden. ¶785
- Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil _ich_ will. ¶787
- Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-sager, wenn es nicht Zeit mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben. ¶807
- Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die Erde mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in Der Ruhe habe, die mich gebar. ¶810
- Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu. ¶811
- Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball werfen! Und so verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir! ¶812
- Eine andre Selbstsucht giebt es, eine allzuarme, eine hungernde, die immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke Selbstsucht. ¶825
- Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von siechem Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht. ¶827
- Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und eine Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend. ¶835
- Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend. ¶838
- Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange der Erkenntniss. ¶840
Open Scriptures Hebrew Bible (WLC), CC BY 4.0